Nicht nur die Branche befindet sich im Wandel, sondern auch ihr Selbstverständnis. Dies war auf dem Großseminar des Verbandes der Baubranche, Umwelt- und Maschinentechnik e.V. (VDBUM) vom 10. bis 13. Februar in Willingen deutlich spürbar.
Die Rekordteilnahme von 1.200 Teilnehmers und Teilnehmerinnen an der Veranstaltung, die unter dem Motto „Brücken bauen – Zukunft gestalten“ stand, bekräftigte zudem, dass sich die vielen Herausforderungen nur durch ein starkes Netzwerk meistern lassen und der persönliche Austausch alles andere als ein Auslaufmodell ist. „Es war ein Großseminar der Superlative“, lautet das Fazit von VDBUM-Präsident Dirk Bennje. „Wir haben die ultimative Teilnehmerzahl erreicht, die wir an diesem Standort erreichen können. Das Vortragsprogramm war von höchster Qualität, wie die Rückmeldungen von Teilnehmenden bestätigen, zudem waren die rund 50 Vorträge durch die Bank gut besucht“, so Bennje weiter. Er blickt auch zurück auf emotionale Momente bei der Mitgliederversammlung, etwa die Verabschiedung von Josef Andritzky nach 17 Jahren im Vorstand des VDBUM und seine Ernennung zum Ehrenvorstand, die Wahl von Peter Schmid, Leiter Gerätepark bei Max Bögl, als dessen Nachfolger und neuer Stimme der Anwender. Und, nicht zu vergessen, die Verleihung der goldenen Ehrennadel für die 50-jährige VDBUM-Mitgliedschaft an den ehemaligen Geschäftsführer und Ehrenvorstand Udo Kiesewalter. Darüber hinaus wurden Weichen für die Zukunft gestellt: Die Kaufmännische Leiterin Wencke Böhling erhielt Prokura, René Esselmann, Leiter Entwicklung Mitgliedernetzwerk, und Stefan Schumski, Technischer Projektleiter, erhielten Handlungsvollmacht. Der Verband beschäftigt nunmehr 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Geschäftsstelle in Stuhr und hat 2025 mehr als 320 Veranstaltungen für seine über 11.000 Netzwerkmitglieder organisiert.
„Die Baubranche war früher ein Erlediger, nun befindet sie sich im Wandel zum Partner, um die Herausforderungen dieses Landes zu bewältigen“, erklärte Dirk Bennje bei der Eröffnung der ersten Abendgala. Als entscheidendes Thema nannte er die Kommunikation von Baumaschinen auf der Baustelle. Dies sei durch die Entwicklung von MiC 4.0 möglich – „aber es flutscht noch nicht richtig“.
Optimistisch ins Baujahr 2026
Zum anschließenden Lounge-Talk bat Moderatorin Alexandra von Lingen – wie immer bestens vorbereitet – Jörg Laue (CFO der Hochtief Infrastructure GmbH und Mitglied des Aufsichtsrats der Hochtief AG), Maximilian Schmidt (Geschäftsführer Vertrieb bei der Kiesel GmbH) und Markus Bühl (Prokurist und Vertriebsleiter der Wirtgen Group Deutschland), als Vertreter der drei Schwerpunktpartner auf die als Baubesprechung gestaltete Bühne. Sie gaben einen Ausblick auf die Inhalte ihrer zahlreichen Vorträge und verdeutlichten, wie essentiell das Generieren von Daten – in Echtzeit – für die Beschleunigung der Bauprozesse ist.
Die Keynote hielt der ehemalige Finanzminister Christian Lindner, der sich für weniger staatliche Bevormundung und mehr Deregulierung stark machte. „Wenn die Politik 500 Mrd. Euro verspricht, dann müssen die Gelder auch fließen“, sagte der VDBUM-Präsident am Mittwochmorgen zum Start des Seminarprogramms und brachte auf den Punkt, woran es der Branche fehlt: „Wir brauchen Verlässlichkeit.“ Der VDBUM versteht es als seine Aufgabe, Brücken zwischen der Branche und der Politik zu bauen. Alexandra von Lingen übergab das Wort anschließend an Oberst i.G. Stefan Gruhn. In seinem interessanten Impulsvortrag brachte der uniformierte Redner ein eher unpopuläres Thema auf die Tagesordnung: Das Erreichen der Kriegstüchtigkeit bis 2029. Der studierte Bauingenieur leitet das BAIUDBw-Kompetenzzentrum Baumanagement Düsseldorf, eines von sieben Kompetenzzentren der Bundeswehr. Er zeigte auf, dass für die Kriegstüchtigkeit neue Liegenschaften benötigt werden, die Bestände sich gleichermaßen in teils desolatem Zustand befinden. Um Neubau- und Sanierungsprojekte zu beschleunigen, können Leistungen nun extern vergeben werden. Den Bauunternehmen präsentierte Oberst Gruhn die Bundeswehr als potenten Bauherren, dem zig Milliarden Euro für Bau und Sanierung der erforderlichen Infrastruktur zur Verfügung stehen.
Im Anschluss begann die Podiumsdiskussion unter dem Seminarmotto „Brücken bauen – Zukunft gestalten“. Neben Oberst Gruhn nahmen Michael Gutzeit (Director HVDC Projects bei der TransnetBW), Jörg Laue (CFO der Hochtief Infrastructure GmbH), Prof. Dr. Christian Lippold (Leitung Planung, Bau & Innovation bei der Autobahn und Dieter Schnittjer, VDBUM-Vorstandsmitglied und Geschäftsführer der VDBUM Service GmbH auf dem Podium Platz. „Es ist extrem mühsam, in Deutschland Baugenehmigungen zu erhalten und das haben wir uns teils selbst auferlegt“, sagte Michael Gutzeit. SüdLink, das größte Infrastrukturprojekt der Energiewende, das 2028 fertiggestellt sein soll, benötigte zwölf Jahre Planungszeit. „Wir bringen dieses Land voran, wenn wir die Prozesse deutlich verkürzen“, stellte Jörg Laue fest und schloss an: „Wir brauchen Vertrauen und auch die richtigen Vertragsmodelle.“ Hier seien einige Märkte Deutschland schon weit voraus. „Wir fangen dort an, wo Herr Laue aufgehört hat, nämlich dem Erkennen, mit welchen Anlagen sich die Effizienz bei den Bauprojekten steigern lässt“, beschrieb Dieter Schnittjer die Rolle des VDBUM. Die Diskutanten waren sich einig, dass es in Sachen Fehlerkultur noch Nachholbedarf auf Deutschlands Baustellen gibt. Hier besteht auch eine Hierarchieproblematik, auch ein Bauhilfsarbeiter müsse sich einbringen können, wenn er feststellt, dass etwas nicht funktioniert.
Auf Alexandra von Lingens Frage, wie weit die Unternehmen in Sachen BIM sind, sagte Prof. Lippold: „Wir erleben einen fundamentalen Wechsel in der Planungstechnologie und arbeiten eng mit der DEGES zusammen, die hier schon Erfahrung gesammelt hat. Michael Gutzeit berichtete, dass der Ausschreibungsprozess inzwischen digital vonstattengeht: „Südlink funktioniert nicht ohne digitale Prozesse“. Oberst Gruhn erklärte, dass bei der Bundeswehr derzeit Referate eingerichtet werden, die sich ausschließlich mit BIM beschäftigen.
Thematisiert wurde auch das Arbeitszeitgesetz. „Wir müssen die Flexibilität bewahren und ausbauen“, sagte Dieter Schnittjer. Jörg Laue ergänzte, dass 96 Prozent der Mitarbeitenden Vertrauensarbeitszeit wünschen.
Das Vortragsprogramm beinhaltete die Schwerpunktthemen „Trassen- und Gleisbau“, „Straßen- und Brückenbau“, „Forschung und Entwicklung“, „Digitalisierung und BIM-Lösungen“, „Abbruch und Recycling“ und „Werkstatt und Logistik“ und wurde außerordentlich gut aufgenommen. Bestens besucht war auch die Fachausstellung. Die Unternehmen der Branche zeigten, dass sie gute Lösungen für die Umsetzung der digitalen Transformation, nachhaltige Antriebskonzepte oder Effizienzsteigerung auch in Zeiten des Fachkräftemangels entwickelt haben. Die Stimmung unter den 130 Ausstellern war verhalten positiv bis optimistisch, oft wurde von einer guten Auftragslage und einer Wachstumserwartung berichtet.
Das 55. VDBUM Großseminar findet vom 16. bis 19. Februar 2027 statt.
Foto: VDBUM